Zum Glück verlief die Wende friedlich

21.08.2019

Erinnerungen und Geschichten auf einer Radtour entlang der ehemaligen Grenze

Michael Cramer (r.) weiß, wie man Geschichte erfahren kann – in Berlin entlang des Mauerweges ebenso wie auf dem Deutsch-Deutschen Radweg oder auf dem Europaradweg entlang des ehemaligen Eisernen Vorhanges. Foto: Landkreis Prignitzzoom

„Wäre die Wende drei Wochen später gekommen, hätte Lütkenwisch drei weitere Gebäude, darunter die Schule, verloren“, erzählt der Lanzer Bürgermeister Hans Borchert. Der Ort sei früher ein Dorf mit zwei Gaststätten, einer Mühle, einer Schmiede, 260 Einwohnern und reichen Bauern gewesen, fährt er fort, 1989 lebten nur noch 16 Bürger hinterm Streckmetallzaun. Lütkenwischs Häuser und damit die Bewohner „störten“ bei der Grenzüberwachung. Das ist 30 Jahre her. Zum Glück kam die Wende und zum Glück ist sie friedlich verlaufen, betont der 77-Jährige, sonst wäre das Wasser der Elbe rot geworden. In diesem Bereich starben mindesten 28 Menschen, berichtet Borchert. Geschichten wie diese erlebten Radler auf ihrer zweitägigen Tour entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze an der Elbe. Heute führt hier ganz friedlich der Elberadweg entlang und nur einige Punkte wie der Gedenkstein an die Grenzopfer der Elbe von 1961 bis 1989 oder die wenigen für den Naturschutz und den Tourismus erhaltenen Grenztürme erinnern an die Mauer und die Schrecken der innerdeutschen Teilung.

Organisiert hatten diese Radtour der Kirchenkreis Prignitz und der Landkreis Prignitz. Die erste Strecke zwischen Wittenberge und Lenzen nahmen 40 Radler in Angriff, am zweiten Tag führte die Tour bis nach Dömitz. An der Wahrenberger Fähre erinnerte Mitorganisator Peter Radziwill an ein Ereignis von 1976. Mit einem U-Boot wollte ein Ehepaar in den Westen flüchten, doch es misslang. In Müggendorf lebt seit 1974 der Künstler und ehemalige Kreistagsvorsitzende Guntram Kretschmar am Deich. Er wusste von Passierscheinen und anderen Schikanen zu erzählen, wenn die Grenzer nachts in die Fenster leuchteten. „Eigentlich war die Verlängerung des Streckmetallzaunes von Cumlosen bis nach Wahrenberg geplant“, erinnert sich Kretschmar. Der 3,60 Meter hohe Zaun hätte genau vor seinem Haus gestanden. „Das hätte ich nicht verkraftet“, gesteht er und ergänzt: „Zum Glück war die Zeit schneller als die Umsetzung dieses Projektes!“. Ein weiterer Fahrradstopp war das Gelände des Wittenberger THW Ortsvereins in Cumlosen. Früher befand sich hier die Zoll- und Grenzstation. Die Gebäude stehen noch wie damals, erklärte Ortsvorsitzende Birka Eschrich den Radlern. Selbst die zwei Arrestzellen mit Gittern konnte man besichtigen – heute natürlich als Abstellräume genutzt. Der erste Radlertag endete am ehemaligen Grenzturm in Lenzen am Sportboothafen, der einen weiten Blick über die Elbtalaue hüben und drüben offenbart.

„Eine tolle Idee, Geschichte mit so vielen authentischen Menschen und Begegnungen zu erfahren“, konstatierte Landrat Torsten Uhe. Deshalb sei er gern mitgefahren, sagte er. Im Feld radelten auch die Superintendentin des Prignitzer Kirchenkreises Eva-Maria Menard, Kreistagsvorsitzender Harald Pohle, Mike Laskewitz vom Tourismusverband Prignitz sowie Michael Cramer, der den Berliner Mauer-Radweg mit initiierte, mit.  

Am 9. November findet eine weitere Veranstaltung anlässlich des Mauerfalls vor 30 Jahre statt. Unter dem Titel „Freiheit im Fluss“ laden der Landkreis Prignitz, der Evangelische Kirchenkreis und die Gemeinde Lanz ab 12 Uhr an den Fähranleger in Lütkenwisch ein, um mit vielen Begegnungen von links und rechts der Elbe die friedliche Revolution zu thematisieren.

© Landkreis Prignitz 


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