Das Massengrab von Wittstock

Not und Elend des Dreißigjährigen Krieges

Kupferstich der Schlacht von Wittstock von Mathias Merian d. Ä. mit Einfärbung der Aufmarschstellung (hell) der schwedischen (gelb) sowie kaiserlich-sächsischen Truppen (grün) und der ersten Schlachtphase (mittel). Durch eine ungewöhnliche Umgehungstaktik fallen die Schweden in den Rücken des Feindes (dunkel) und erringen dadurch den Sieg (SLUB Dresden / Deutsche Fotothek; farbige Hervorhebungen R. Opitz, BLDAM) Lit.-Angabe: Theatrum Europaeum, Band 3, Frankfurt am Main 1670, Tafel 22zoom

Im Herbst 1636 war die Situation der schwedischen Armee in Deutschland sehr kritisch. Ohne Verbündete in den Norden des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation zurückgedrängt, sah sich der schwedische Feldmarschall Johan Banér zu einer Entscheidungsschlacht gezwungen. So kam es am Samstag, 4. Oktober 1636 nahe der Stadt Wittstock zu einer der blutigsten Feldschlachten des Dreißigjährigen Krieges. Trotz der vorteilhaften, verschanzten Stellung und der zahlenmäßigen Übermacht des kaiserlich-sächsischen Heeres (etwa 20.000 bis 30.000 Mann) unter Generalfeldmarschall Graf Melchior von Hatzfeld und Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen errangen die Schweden (etwa 15.000 bis 16.500 Mann) den Sieg durch eine ungewöhnliche Umgehungstaktik.

Das Schlachtgeschehen war grausam und verlustreich. Manches Regiment verlor 60% seiner Kämpfer. Neben etwa 2.130 schwedischen und einer unbekannten, jedoch vermutlich höheren Zahl sächsisch-kaiserlicher Verwundeter, sollen ca. 1.000 schwedische Soldaten und 5.000 Verbündete ihr Leben verloren haben. Manche Schätzungen gehen sogar von 8.000 Toten während der Schlacht sowie der anschließenden Verfolgung der Verlierer und ihres Trosses aus. Am Folgetag befahl Feldmarschall Banér das Schlachtfeld aufzuräumen und die Toten zu bestatten.

Das während der Ausgrabung aufgenommene Luftbild zeigt den Blick vom östlichen Teil des Schlachtfeldes am Scharfenberg über den Fundort hinweg zur Niederung der Dosse (Foto: J.Wacker, BLDAM).zoom

Im Frühjahr 2007 wurde bei Bauarbeiten in einem Gewerbegebiet südlich der Stadt ein Massengrab entdeckt. Die Fundstelle liegt nördlich des Scharfenbergs, für den wiederholte Angriffe insbesondere der schwedischen Kavallerie gegen die Stellungen der Sachsen belegt sind. Bei der Entdeckung schnitt der Bagger das Grab an dessen Westseite an und riss dabei zahlreiche menschliche Knochen aus ihrer Originallage heraus. Die ursprüngliche Größe der Grabgrube kann auf ca. 6 m x 3,5 m rekonstruiert werden. Darin wurden 125 Soldaten beigesetzt, von denen noch 88 in ihrer Originallage dokumentiert werden konnten.

Die regelmäßige Form und die genau zwei Menschenlängen entsprechende Breite der Grube lassen vermuten, dass im Schanzen geübte Soldaten das Grab anlegten. Die Toten wurden dicht an dicht "in Reih´ und Glied" hineingelegt; zuunterst drei Lagen in Nord-Süd-Ausrichtung mit den Köpfen am Grubenrand und den Füßen zueinander. Oberhalb ihrer Beine und Füße war Platz für weitere sechs Reihen aus jeweils drei bis vier Individuen. Noch vorhandene Freiräume füllte man schließlich durch einzeln gelegte Leichname vollständig aus.

Das Schlachtfeld aufzuräumen bedeutete auch, alles noch brauchbare Hab und Gut einzusammeln. Einerseits wurden alle Waffen und Ausrüstungsgegenstände zusammengetragen; andererseits wurden jedoch die Toten geplündert. Daher konnten bei nur 26 Skeletten überhaupt Kleinfunde geborgen werden. Hierbei handelt es sich in der Mehrzahl um kleine Haken und Ösen aus Eisen sowie um Knöpfe, die von der Kleidung der Toten stammen.

Die Skelette wurden in den übereinander geschichteten Lagen freigelegt, anschließend fotogrammetrisch aufgenommen und digital vermessen (Foto: A. Grothe, BLDAM). zoom

Bei den 88 in Originallage geborgenen Skeletten handelt es sich ausschließlich um Männer, die zwischen 17 und über 45 Jahre alt wurden. Die Mehrzahl von ihnen verstarb im Alter zwischen 20 und etwa 35 bis 40 Jahren. Zwei Männer waren nicht einmal 20 Jahre alt und lediglich zwei älter als 40 Jahre.

Die Untersuchung der Skelette gibt umfangreiche Informationen auf den allgemeinen Gesundheitszustand der Soldaten, auf Seuchen und die medizinische Versorgung. Viele Männer litten wiederholt unter Infektionen oder fieberhaften Allgemeinerkrankungen. Durch Feuchtigkeit und Kälte hervorgerufene Atemwegserkrankungen waren an der Tagesordnung. Von den während des Dreißigjährigen Krieges oftmals grausam wütenden Seuchen lässt sich die Syphilis an den Unterschenkelknochen von zwei Soldaten nachweisen.

Zahlreiche Skelette, vereinzelt auch von jungen Männern, zeigen Gelenkschädigungen sowie ausgeprägte Stressmarker als Folgen häufiger Überlastungen. Einige Knochenbrüche sind sehr schlecht verheilt und führten zu schmerzhaften Beeinträchtigungen. Andere gut verheilte Verletzungen lassen auf eine Versorgung durch Feldscherer und vermutlich durch Frauen schließen, die ihre Männer im Tross begleiteten.

Oberer Teil eines linken Schienbeins mit schwerem Knochenbruch, der in dislozierter Position unter starker Verkürzung verheilt ist (B. Jungklaus, BLDAM). Beispiel für eine tödliche Hiebverletzung: Durch einen scharfen Hieb wurde die rechte Schädelhälfte abgetrennt (B. Jungklaus, BLDAM). Im oberen, äußeren Teil des rechten Oberarms steckt eine Bleikugel. Die Wucht des Aufpralls hat zu Berstungsrissen im Knochen geführt (Fotos: B. Jungklaus, BLDAM).zoom

Viele Knochen tragen Verletzungen durch Schuss- und Blankwaffen. Es wurden Hieb- und Schlagverletzungen an den Schädeln gefunden, die sofort tödlich waren, aber auch solche, die nicht direkt zum Tode führten. Ein noch jugendlicher Soldat erlitt sechs Hiebverletzungen mit unterschiedlichen Waffentypen, bevor er starb. Bereits verheilte Verletzungen dürften aus früheren Kämpfen stammen und sind somit Hinweis auf einen längeren Kriegsdienst.

Schussverletzungen erschließen sich über Einschusslöcher und die typischen Berstungsfrakturen am Knochen sowie über die aufgefundenen Bleikugeln. Zwei Soldaten waren von zwei Geschossen getroffen, die übrigen jeweils von einem. Die 24 aufgefundenen Bleikugeln wurden aus Musketen und Reiterpistolen abgefeuert.

Das Massengrab von Wittstock bietet die europaweit einzigartige Möglichkeit, durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit, insbesondere von Archäologen und Anthropologen eine Lebensrealität von Söldnern während des Dreißigjährigen Krieges zu erforschen, die über das reine Schlachtgeschehen weit hinausragt.

Download der Tafel Wittstock (1,1 MB)                                                                Text: Sabine Eickhoff (BLDAM)

Filmausschnitt aus dem Jahresfilm 2010 des BLDAM

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