Geschichte des Landkreises

Hünengrab bei Mellen (Foto: LK Prignitz)

Die Prignitz ist eine der ältesten Landschaften im äußersten Nordwesten der Kurmark Brandenburg und seit alters her auch Grenzregion. Von hier nahmen im 10. Jh. die Christianisierung und seit Mitte des 12. Jh. die deutsche Besiedlung der ostelbischen Gebiete ihren Anfang. Im Schutze von Burgen und Flüssen gründeten zunächst die Bischöfe von Havelberg und Brandenburg, die Edlen Gans, die Edlen von Plotho und die brandenburgischen Markgrafen Städte und auch Klöster. Die Landschaft war von zahlreichen Wasserläufen, ausgedehnten Wäldern und fruchtbaren Flussniederungen, sanften, kornreichen und bewaldeten Höhenzügen im Osten und der weiträumigen, herben Elbniederung im Westen geprägt.  Die Prignitz kann  auf eine lange Geschichte zurückblicken. Davon zeugen neben vielen vorchristlichen Fundplätzen und Grabhügeln auf den Feldmarken zahllose mittelalterliche  Feldsteinkirchen in den Dörfern sowie die stolzen gotischen Stadtkirchen, Klosteranlagen und Bürgerhäuser in Havelberg, Perleberg, Bad Wilsnack, Lenzen, Pritzwalk, Kyritz, Meyenburg, Heiligengrabe, Freyenstein, Wittstock und Stepenitz/Marienfließ. Nicht zuletzt sind die etwa 100 Rittersitze und Schlösser mit ihren mehr oder weniger erhaltenen landschaftlich gestalteten Parkanlagen zu nennen. Sie prägen bis heute in eindrucksvoller Vielfalt und Anmut das Gesicht der Prignitzer Kulturlandschaft, die von den hier lebenden Menschen in Jahrhunderten mühevoller Aufbauarbeit geformt wurde.

Die naturräumliche Gliederung der Prignitz ist das Ergebnis mehrmaliger Inlandeisvergletscherungen des quartären Eiszeitalters.  Schon vor der deutschen Besiedlung im 12. Jh. bot sie besonders steinzeitlichen und schließlich germanischen Völkern des nordischen Kulturkreises vor allem auf den Sanddünen des Urstromtals der zahlreichen Flusstäler und an deren Rändern günstige Siedlungsvoraussetzungen. Etwa seit Mitte des 6. Jh. siedelten sich auch wendische  Stämme an. Die ältesten archäologischen Funde in der Prignitz (bei Hinzdorf) gehören der älteren Steinzeit an (9.000-8.000 v. Chr.). Erst  in der jüngeren Steinzeit  wurde der Boden des Prignitzer Hochlandes landwirtschaftlich genutzt und in den Flussniederungen Vieh gezüchtet. Die Siedlungstätigkeit erstreckte sich dabei immer mehr auch auf die höher gelegenen eiszeitlichen Landflächen. Von den Gräbern der jüngeren Steinzeit ist in der Westprignitz allein das sogenannte „Hünengrab” bei Mellen erhalten. Der Chronist Johann Christoph Bekmann erwähnte Anfang des 18. Jh. außer in Mellen noch 3 weitere „Hünenbetten”  bei Bochin, Boberow und Brüssow. Sie fielen letztlich dem Straßen- und Scheunenbau zum Opfer.

 

In die Phase der frühen Bronzezeit (1.800-1.500 v. Chr.) fällt in ganz Mitteleuropa der Übergang von der Körper- zur Urnenbestattung mit meist gleichförmig und wenig aufwendig angelegten Urnenflachgräberfeldern. Die Prignitz - das so genannte „Seddiner Kulturgebiet” zwischen Elde und Dosse - stellt dabei eine Ausnahme dar. Hier gab es neben Urnenfriedhöfen eine bemerkenswerte Anzahl mehr oder weniger reich ausgestatteter Hügelgräber. Die bekannteste und zugleich größte Grabanlage dieser Art im nördlichen Mittel- und südlichen Nordeuropa ist das Königsgrab bei Seddin:  Ein gewaltiger, ca. 10 Meter hoher Grabhügel mit einem Durchmesser von 64 Metern. Die im Innern des aufgeschütteten Hügels aus Steinen gesetzte, reich bemalte Grabkammer ist mit Lehmputz verkleidetet und hat einen Durchmesser von zwei  Metern. Die in die erste Hälfte des 9. Jh. v. Chr. zu datierende Anlage ist in ihrer Art hinsichtlich der Gewölbetechnik und fundreichen Beigabenausstattung einzigartig.  Kopien-Sätze der 1899 entdeckten Grabbeigaben sind heute im Prignitz-Museum Havelberg, im Stadt- und Regionalmuseum Perleberg sowie im Schlossmuseum Wolfshagen zu sehen.

 

Über das Siedlungswesen der Jungbronzezeit geben u. a. Grabungen  in Viesecke und Perleberg  einigen Aufschluss. Demnach hatten Siedlungen zur damaligen Zeit die Form von Haufendörfern. Erste befestigte Siedlungen scheinen in der ausgehenden Bronzezeit entstanden zu sein.  Ein eindrucksvoller Burgwall in einer Dömnitz-Schleife bei Wolfshagen - die so genannte  „Schwedenschanze“ – lässt darauf schließen.

 

Vom 2. bis 6. Jh. hielt eine allmähliche und nahezu vollständige Abwanderung der germanischen Bevölkerung aus ihren bisherigen Siedlungsgebieten nach Westen und Südwesten an. Ihr folgte seit etwa Mitte des 6. Jh. die Einwanderung wendischer Stammesgruppen aus dem Osten. Von ihnen werden die Linonen 808 erstmals erwähnt. Ihr Hauptort war Lenzen, wo eine große Burg an dem wichtigen Elbübergang zwischen Elde- und Löcknitzmündung lag. Sie spielte in den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Franken, Wenden und Sachsen im 8. und 9. Jh. eine bedeutende Rolle und war im 10. Jh.  Sitz eines Stammesfürsten. Die berühmte Schlacht bei Lenzen im Jahre 929 markiert den Beginn der ersten Phase der deutschen Ostexpansion und der Christianisierung östlich der Elbe.  Damals besiegten die sächsischen Truppen die slawischen Heerscharen in einer vernichtenden Schlacht. Sie nahmen den alten Burgplatz nun selbst in Besitz und gründeten hier wie andernorts in der Prignitz deutsche Befestigungen, die Burgwadien. Diese mussten sie nach dem großen Slawenaufstand im Jahre 983 allerdings wieder aufgeben. Damals wurden auch die Dome der 946/948 durch Kaiser Otto I. begründeten Bistümer Havelberg und Brandenburg wieder zerstört.

 

Erst der Wendenkreuzzug von 1147 ermöglichte die endgültige Christianisierung der Mark Brandenburg und ihren Landesausbau. Während Markgraf Albrecht der Bär die Hauptgebiete der späteren Mittelmark eroberte, wurde die Prignitz durch den  Bischof von Havelberg und kleinere  Territorialherren eingenommen und besiedelt. Unter diesen war ein Ritter Johannes, der nach seinem altmärkischen Besitz, der Gänseburg bei Pollitz, den Übernamen „Gans“ trug.  Er vererbte ihn auf seine Nachfahren, welche die flugbereite Gans auch in ihrem Wappenschild führten. Sie nannten sich je nach ihren Besitzungen Gans von Wittenberge, Gans von Perleberg oder Gans zu Putlitz. Das Freiherrengeschlecht heißt noch heute Gans Edle Herren zu Putlitz. Diese in der Frühzeit der Kolonisation durch Titel und Besitz herausragende Familie wurde im Verlauf  des 13. Jh. in ihrer Machtstellung mehr und mehr durch die erstarkende und sich festigende markgräfliche Zentralgewalt beschnitten. Als Gründer der Städte Wittenberge, Perleberg und Putlitz und schließlich des Zisterzienserinnen-Nonnenklosters Marienfließ (1231) hat sich dieses Geschlecht unauslöschliche Verdienste erworben. Das Kerngebiet seiner Territorialherrschaft lag an der Stepenitz. Wenn auch einige Besitzungen im Verlauf der Zeit verloren gingen, bewahrten die Nachfahren bis zu ihrer Vertreibung und Enteignung 1945 sieben Güter in der Region.

 

Das Besiedlungswerk in der Prignitz glich einem gigantischen Bauprogramm. Nach den Rodungen großer dichter Waldgebiete und der Trockenlegung von Sümpfen entstanden unzählige neue deutsche Bauerndörfer, oft neben den alten wendischen Siedlungen. Auch zahlreiche Kirchen sowie feste Schutzburgen und Rittersitze wurden errichtet, um die Sicherheit des Landes zu gewährleisten. Die ansässige wendische Bevölkerung ging dabei allmählich in den eingewanderten  sächsischen, fränkischen und niederländischen Siedlerfamilien auf.

 

Auf Grund namenkundlicher Forschungen kann man davon ausgehen, dass von den 451 mittelalterlichen Ortsnamen 257 (57 %) wendisch, 169 (37,5 %) deutsch und 20 (4,4 %) wendisch-deutsche Mischnamen sind,  wie etwa Blesendorf, Gnevsdorf oder Klenzendorf . Bei den wendischen Ortsnamen wird überwiegend angenommen, dass sie von den Neusiedlern vorgefunden und übernommen wurden. Dagegen dürfte es sich bei den deutschen Ortsnamen und  überwiegend wohl auch bei den Mischnamen um Neubildungen handeln.

 

Typisch deutsche oder wendische Dorfformen gab es in der Prignitz nicht. Entscheidend bei der Wahl der Dorfform waren nicht ethnische Merkmale, sondern eher die Lage der Siedlung (z. B. im Wald-, Niederungs- oder Grenzbereich) und ob es sich um eine planmäßige Neugründung handelte. In der Prignitz kommen sehr unterschiedliche Dorfformen vor, wobei den größten Anteil Rund- und Straßendörfer ausmachen, gefolgt von Angerdörfern, Sackgassendörfern mit Doppelzeilen, Haufen- und Marschhufendörfern. Das Runddorf, dem oft ein wendischer Ursprung nachgesagt wird, kommt überwiegend in der Westprignitz, weniger in der östlichen Prignitz vor. Es  ist als deutsche Anlage der Kolonisationszeit anzusehen, denn bei Grabungen und Bodenuntersuchungen in den bisher bearbeiteten Orten wurden wendische Reste nicht vorgefunden. Bei Anlage eines Rundlings musste die Anzahl der anzusetzenden Siedler von vornherein feststehen, da spätere Einschübe in den geschlossenen Ortsgrundriss ausgeschlossen waren. Das setzte eine planmäßige Anlage voraus.

 

Die zahlreichen mittelalterlichen Kirchen und Stadtkerne in der Prignitz, aber auch die erhaltenen Burgen und Schlösser, sind noch heute ein sichtbares Zeichen der langen geschichtlichen Entwicklung. Nahezu alle Stadt- und Dorfkirchen gehen auf die Kolonisationszeit des 12. und 13. Jh. zurück. Die Prignitz zeichnete sich durch die Einteilung in Kleinparochien (Pfarreien) und damit eine erstaunliche Dichte an Pfarrkirchen aus. Jedes Dorf hatte seine eigene Kirche und seinen eigenen Pfarrer. Von dem heute in der Prignitz erhaltenen Bestand von 220 Dorfkirchen sind 120 mittelalterliche Bauten. Nach der Reformation werden in den Visitationsberichten 120 Mutterkirchen und 80 Filialkirchen gezählt. Im heutigen Landkreis gibt es 170 evangelische Dorfkirchen sowie 7 evangelische und 4 katholische Stadtpfarrkirchen. Auf den Dörfern setzte die Feld- und Backsteinbauweise im Kirchenbau erst im 13. und 14. Jh. ein. Die ersten Kirchen wurden in der Besiedlungszeit aus Holz errichtet. Charakteristisch für die Prignitz sind die dominierenden Feldsteinkirchen in Saalform mit geradem Ostschluss, die bis etwa 1500 erbaut wurden. Nur wenige der mittelalterlichen Dorfkirchen weisen eine bauzeitliche halbrunde Apsis bzw. einen polygonalen Ostschluss auf (Rühstädt, Wernikow, Kletzke, Abbendorf, Legde, Schönhagen, Glöwen, Techow).

Als besondere sakrale Bau- und Kunstdenkmäler ragen die ehemalige Wallfahrtskirche von Wilsnack und das 1287 gegründete Kloster Heiligengrabe heraus. Hinzu kommen über 70 noch erhaltene Schlösser, Herrenhäuser und Burgen. Deren Geschichte ist eng mit der Landschaft verwoben und sie gehören zu ihrem bedeutenden baukünstlerischen Erbe (u. a. Dallmin, Plattenburg, Lenzen, Wolfshagen, Demerthin, Meyenburg, Neuhausen, Rühstädt)

 

Die Landschaftsbezeichnung „Prignitz” trat 1349 erstmals in einer Urkunde auf. Daneben war vom 14. bis ins 18. Jh. auch die Bezeichnung „Nordmark” gebräuchlich. Die Prignitz gliederte sich im Mittelalter in elf verschiedene Herrschaftsgebiete (terrae): Grabow, Lenzen, Wittenberge, Perleberg, Putlitz, Pritzwalk, Kyritz, Wusterhausen, Wittstock, Nitzow und Havelberg. Diese gingen erst im Laufe des 13. und 14. Jh. in unmittelbaren markgräflichen Besitz über. Das ursprünglich reichsunmittelbare Bistum Havelberg kam erst nach der Säkularisation im 16. Jh. unter kurfürstliche Oberhoheit. Die terra Grabow fiel nach 1320 an Mecklenburg, die terra Wusterhausen etwa zur gleichen Zeit an die Grafschaft Ruppin, die im 16. Jh. schließlich wieder an den Kurfürsten kam. Die äußeren Grenzen der Prignitz veränderten sich seither bis 1952 kaum noch wesentlich. Als landesherrliche Organe wirkten bis zum Ende des 14. Jh. die Vögte, seit dem 15. Jh. die Hauptmänner der Prignitz. Eine erste ständische Kreisverwaltung bildete sich jedoch erst im 17. Jh. mit den Kreiskommissaren, Kreis- und Landesdirektoren und schließlich den Landräten heraus.

 

Das Phänomen der ländlichen Wüstungen kennt die Prignitz seit dem Hochmittelalter. Nach der ersten Periode ländlicher Kolonisation und Siedlung des 12./13. Jh. wurden vor allem im Verlaufe des 14. und 15. Jh. mehr als zwei Fünftel der im Hochmittelalter vorhandenen und neu angelegten Siedlungen wieder aufgegeben. Das war die Folge einer schwachen Agrarkonjunktur und unzureichender Ertragsfähigkeit einzelner Dörfer sowie zum Teil auch der Fehdezeiten.

 

Weitere Zäsuren für das Siedlungsbild bedeuteten später die Gründungen adliger Eigenbetriebe im 16. Jh. sowie die Folgen des 30jährigen Krieges mit unbeschreiblichen Zerstörungen;  danach die Siedlungsprogramme der friderizianischen Binnenkolonisation des 18. Jh. mit zahlreichen Dorf- und Vorwerksneugründungen. Auch die Stein-Hardenberg-Reformen (ab 1810) führten zu einer Veränderung dörflicher Siedlungsstrukturen infolge von Separationen und Dienstablösungen. Nach dem ersten Weltkrieg wirkte sich auf dem Lande die Siedlungstätigkeit verschiedener regionaler Siedlungsgesellschaften aus und es entstanden zum Teil ganz neue Dörfer. Tief einschneidende und bis heute fortwirkende Zäsuren brachten dann die fundamentalen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen nach 1945; abermals sehr umfassend nach 1990. Alle diese unterschiedlichen geschichtlichen Prozesse haben in den Jahrhunderten nach dem Wendenkreuzzug von 1147 das Siedlungsbild der Prignitz entscheidend geprägt – und permanent verändert. Dieser Prozess ständigen Wandels hält bis heute an.

 

Nach Abschluss der Separationen (um 1850) entstanden vor allem in den Dörfern und auf den Gütern umfangreiche und architektonisch beeindruckende Neubauten. Mit Zunahme der ortsansässigen

Gutsarbeiter und infolge der Umstrukturierung gutswirtschaftlicher Betriebe ging eine Veränderung der Siedlungsstrukturen der Güter und Dörfer einher. An  die Stelle der alten, meist noch strohgedeckten Bauernkaten aus Lehmfachwerk traten nun stattliche neue Wohnhäuser aus Fachwerk oder Backstein mit ebenso wertvollen Wirtschaftsgebäuden. Auf den Gütern entstanden neue, meist langgestreckte Tagelöhnerhäuser und auf den alten Gutshöfen zum Teil großartige Wirtschaftsbauten. Sie entsprachen den veränderten ökonomischen Verhältnissen und waren auf die deutlich vergrößerten Gutsbetriebe zugeschnitten.

 

Die elf Städte der Prignitz hatten ihren mittelalterlichen Charakter als Ackerbürgerstädte innerhalb der alten Befestigungsanlagen lange Zeit weitgehend bewahrt und wuchsen erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jh. über ihre Stadtmauern hinaus. Es entstanden großzügig angelegte Stadterweiterungsgebiete mit einer architektonisch wie baukünstlerisch wertvollen Bebauung. Innerhalb der alten Stadtmauern errichteten die Bürger nach den Freiheitskriegen und besonders im wilhelminischen Zeitalter die typischen großen, gründerzeitlichen Wohn- und Geschäftshäuser sowie neue stolze Rathäuser (Pritzwalk 1824, Kyritz 1879, Perleberg 1837/39, Wittenberge 1912/14). Weiterhin ließen sie ihre Stadtkirchen prachtvoll, meist im neugotischen Stil, ausbauen (Perleberg 1851/55, Wittenberge 1869/72, Putlitz 1854, Kyritz 1848, Pritzwalk 1880/82). Wittenberge erlangte Mitte des 19. Jh. mit seiner Anbindung an die Eisenbahnlinien von Berlin nach Hamburg (1845/46) und durch den Bau der Elbbrücke nach Magdeburg (1846-1851) sowie der Strecke nach Lüneburg (1872/74) enorme Bedeutung als Eisenbahnknotenpunkt, Warenumschlagplatz, Binnenschifffahrtshafen und entwickelte sich zum wichtigen Industriestandort. 1823 wird mit dem Bau einer der modernsten Ölmühlen Europas durch Samuel Herz die Industrialisierung Wittenbergers eingeleitet. Die Ölwerke bleiben bis 1990 einer der wichtigsten Industriebetriebe in der Region. Ihre backsteinernen Gebäude prägen bis heute die Hafenansicht der Stadt und bilden alljährlich eine imposante Kulisse für die Elblandfestspiele. 1876 siedelte sich die Zentralwerkstatt der Berlin-Hamburger Eisenbahngesellschaft (ab 1922 Reichsbahnausbesserungswerk) und 1903 das Singer-Nähmaschinenwerk an, schließlich 1935 die Norddeutsche Maschinenfabrik und 1937/39 ein Werk der Zellwolle und Zellulose AG Wittenberge. Infolge dieser rasanten wirtschaftlichen Entwicklung wuchs die Stadt rasch über ihre alten Grenzen hinaus. Die schnell steigenden Einwohnerzahlen zogen eine enorme städtebauliche Entwicklung mit mehreren bedeutenden Stadterweiterungen nach sich. 1939 hatte die seit 1922 kreisfreie Stadt Wittenberge, 27.595 Einwohner; im Jahre 1801 waren es gerade einmal 890. Nach 1990 blieb von den großen Industriebetrieben allein das Instandhaltungswerk der Deutschen Bahn bestehen. Die Stadt verlor seither ein Drittel ihrer Bevölkerung.

                                              

Mit dem Ausbau einer Eisenmoorbadeanstalt im Jahr 1906 erfuhr die kleine  Stadt Wilsnack  eine enorme wirtschaftliche Entwicklung und wurde Kurbad, seit 1927 trägt sie den offiziellen Titel „Bad Wilsnack“. Heute ist der Ort Herz eines riesigen Konzerns mit über 3.000 Mitarbeitern - der 1991 gegründeten KMG Kliniken AG, zu der neben verschiedenen Kurkliniken auch mehrere Krankenhäuser, in der Prignitz u. a. in Pritzwalk, Havelberg, Wittstock und Kyritz gehören.

 

An der Peripherie der kleinen Landstädte entstanden in der zweiten  Hälfte des 19. Jh.  nach dem Bau der Berlin-Hamburger Eisenbahn (1846 ff.) mit den Bahnhöfen neue Gewerbeansiedlungen mit stadtbildprägenden Fabrikgebäuden. Das in der Prignitz traditionelle Tuchmachergewerbe erlangte mit zunehmender Industrialisierung in den Städten Pritzwalk und Wittstock eine enorme wirtschaftliche Bedeutung für die ganze Prignitz. Die dort begründeten Tuchfabriken der Gebrüder Draeger und Friedrich Wilhelm Wegener waren u. a. Lieferanten für Heer und Marine. 1900 wurden beide Fabriken unter einer Leitung vereint und  bis 1945 von der Familie Quandt betrieben. Das 1969 in Pritzwalk gegründete Zahnradwerk (damals VEB) mit zuletzt über 1.300 Beschäftigten wurde 1993 als Zahnradwerk Pritzwalk GmbH privatisiert und ist heute Marktführer der Branche in Europa mit über 300 Mitarbeitern. Neue Gewerbe haben sich im ganzen Landkreis nach 1990 in verschiedenen Gewerbegebieten der einzelnen Städte und in Karstädt angesiedelt. In Kyritz bestimmt die 1873 gegründete Kartoffel-Stärkefabrik bis heute das Wirtschaftsleben der Stadt. Gleiches gilt für die 1911 in Dallmin gegründete Kartoffel-Stärkefabrik, die heute als GmbH fast 200 Beschäftige hat.

 

Der Ausbau eines kreislichen Chausseenetzes in der Prignitz begann mit der neuen Kreiseinteilung im Jahre 1817. Mit der Berlin-Hamburger Chaussee, die 1827 auf der noch heute vorhandenen Trasse durch die Westprignitz gelegt wurde,  entstand die erste überregional wichtige Fernverbindung.  Um 1840 begann dann der Ausbau der die Städte verbindenden Kreischausseen wie Perleberg-Wittenberge (1843), Perleberg-Pritzwalk (1848) und Perleberg-Wilsnack. Durch den Bau der Eisenbahnlinien Wittenberge-Perleberg 1881 und   Perleberg-Pritzwalk-Wittstock im Jahr 1885 wurden die Prignitzer Landstädte in West-Ost-Richtung erschlossen. 1887 war die Linie von Neustadt/Dosse über Pritzwalk bis Meyenburg fertiggestellt. Zwischen 1888 und 1912 erfolgte der Bau eines die gesamte Prignitz erschließenden Kleinbahnnetzes, wodurch eine Anbindung der Region an die Wirtschaftskreise und Absatzmärkte des Reiches erreicht war. Die 1996 gegründete Prignitzer Eisenbahngesellschaft (PEG) setzt diese Tradition mit einer modernen Eisenbahnflotte nicht nur in der Prignitz, sondern auch Mecklenburg und Nordrhein-Westfalen vor allem in der Personenbeförderung fort.

 

Einen nie da gewesenen wirtschaftlichen Aufschwung und eine bemerkenswerte Bevölkerungszunahme erlebte die Prignitz in den wilhelminischen Jahrzehnten. Seinerzeit entstanden die großen Stadtschulen und die städtischen Krankenhäuser. In den damals gegründeten Museen von Havelberg (1904), Perleberg (1905) und Heiligengrabe (1910) wurde die Geschichtsmächtigkeit der kurmärkischen Landschaft dokumentiert. Die Hauptstadt der Westprignitz Perleberg gewann als Garnisonsstandort (11. Ulanen - Reiterregiment Nr. 4 und später Feld- Artillerie-Regiment Nr. 39, seit 1936 Fliegerhorst)  in der Zeit ab 1860 zusätzlich an Bedeutung.

 

Noch vor dem ersten Weltkrieg begann die Elektrifizierung in der Region. Wittenberge erhielt 1910  das erste Elektrizitätswerk . Es versorgte um 1925 bereits sechs Städte sowie etwa 156 Gemeinden und 60 Güter mit elektrischer Energie. Damals gab es im Kreis bereits ein ca. 400 Kilometer langes Hochspannungsnetz. Viele Güter nutzten zur Stromerzeugung die Wasserkraft. So gab es um 1925 in den alten Wassermühlen vielfach moderne Turbinenanlagen für eine unabhängige Stromversorgung zum Eigenbedarf.

 

Mit der Verwaltungsreform in Preußen und der Schaffung von Provinzialregierungen wurde die Prignitz 1817 in die Kreise Ost- und Westprignitz geteilt, Hauptstädte wurden Kyritz und Perleberg. Zur Abrundung des Kreises Ostprignitz wurden die Orte Gadow, Friedrichsgüte, Quaste, Zootzen, Neuendorf und Zernitz vom Kreis Ruppin abgetrennt.  1937 kamen noch die mecklenburgischen Exklaven Rossow und Netzeband hinzu, wobei Netzeband 1939 dem Kreis Ruppin zugeordnet wurde.

 

Das Ende des zweiten Weltkrieges ging auch an der Prignitz nicht spurlos vorüber. Die Industriestadt Wittenberge erlitt durch alliierte Bomberangriffe zum Teil schwere Zerstörungen. In Pritzwalk wurden bei einem Fliegerangriff am 15. April 1945 erhebliche Teile des Bahnhofsviertels zerstört. Unaufhörlich waren die Flüchtlingsströme der aus den Ostprovinzen vertriebenen Deutschen, die vor allem auf dem Lande und den Gütern Zuflucht fanden. Die meisten Gutshäuser waren voll von ihnen. Viele Zivilpersonen, vor allem auf Gütern, kamen beim Einmarsch der Russen ums Leben. Darunter waren nicht selten Angehörige der alten Besitzerfamilien, die entweder durch Freitod oder gewaltsam ums Leben kamen. Mit den Verordnungen zur Bodenreform kam es ab Oktober 1945 zur Enteignung jeglichen Grundbesitzes über 100 Hektar. Die Besitzer wurden ausgewiesen und der alte Besitz aufgesiedelt. Damit einher ging der fast vollständige Verlust des kunsthistorisch und kulturgeschichtlich bedeutsamen Inventars der Gutshäuser sowie vieler alter Guts- und Familienarchive. Der Bodenreform folgte ein umfassendes Neubauernprogramm, in dessen Folge in den Orten eine Vielzahl noch heute bestehender ländlicher Gehöfte entstanden ist.

 

1952 wurden mit Auflösung der von den alliierten Kontrollmächten nach Ende des 2. Weltkrieges gebildeten mitteldeutschen Länder durch die damalige DDR-Regierung die historisch gewachsenen Kreise der Mark aufgelöst. Die Prignitz wurde auf die neugeschaffenen Bezirke Magdeburg, Potsdam und Schwerin aufgeteilt und insgesamt sieben neuen Landkreisen zugeordnet (Perleberg, Pritzwalk, Wittstock, Havelberg, Ludwigslust, Parchim und Kyritz). Mit der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 wurden auch die alten Länder wiederhergestellt. Im Zuge der brandenburgischen Kommunalwahl trat am 5. Dezember 1993 eine erneute Kreisgebietsreform in Kraft, wobei die historischen Grenzen wieder ignoriert wurden. Mit dieser Reform entstand der heutige Landkreis Prignitz, der Teile der Ostprignitz mit Pritzwalk, Meyenburg und Demerthin sowie nahezu den gesamten alten Kreis Westprignitz (ohne Havelberg) umfasst. Kurioserweise wurde daneben aus Teilen der alten Ostprignitz mit Kyritz, Heiligengrabe und Wittstock und dem alten Kreis Ruppin mit den Städten Neuruppin, Wusterhausen und Neustadt/Dosse ein neuer Landkreis Ostprignitz-Ruppin gebildet. 

                                                                                                                    Text: Torsten Foelsch

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